Tag 1 in Köln

Es war ein langer Tag.

Gestern Abend kam mein Freund vorbei, der den letzten Tag, bevor ich für ein Jahr nach Köln ziehen würde, mit mir verbringen wollte. 

Er war ziemlich fertig, da er sowohl arbeiten, als auch zuhause seinem Vater helfen musste, den Keller für dessen Geburtstag aufzuräumen. Ich ahnte zwar, dass er schlechte Laune haben würde, trotzdem hoffte ich sehr, dass ich den letzten Tag zuhaue mit ihm und meiner Familie glücklich und entspannt verbringen könnte. 

Diese Illusion wurde aber recht schnell zunichte gemacht.

Als meine Mum ihn fragte, ob wir nicht lieber zuhause essen wollten, als, wie ursprünglich geplant,  zu zweit in ein Restaurant zu gehen, um meinen vorläufigen Abschied gebührlich zu feiern, zeigte er zwar Einverständnis, ließ sich aber eine halbe Minute später erschöpft auf mein Bett fallen und machte klar, wie wenig er von dem neuen Plan hielt.

Es machte mich traurig. Meine Eltern hatten das nicht angeboten, um ihm zu schaden, sondern viel eher, weil sie ebenfalls Anspruch auf den letzten Abend mit mir erhoben hatten und vor allem, damit er nicht sein Geld aus dem Fenster schmiss. 

Daher ging es auch relativ schnell, bis mir die Tränen stumm übers Gesicht flossen. Meine Nerven waren sowieso schon seit Tagen angespannt und meine Gefühle wurden von einer Mischung aus Angst, Vorfreude und Spannung kontrolliert. 

Ich konnte es ihm nicht erklären, warum ich schon wieder zu weinen begann.

Das Essen harrte er aus, verhielt sich freundlich und offenherzig wie immer, obwohl ich blickkontakt vermied. Immer wieder griff er unter dem Tisch nach meiner Hand und das beruhigte mich ungemein. 

Nach dem Essen ging es ihm viel besser und eine halbe Stunde später stiegen wir ins Auto, um uns noch ein Eis im McDonalds zu holen. 

Man muss dazu sagen, dass wir 20 Minuten bis zum nächsten McDonalds brauchten, da ich echt in der Pampa lebe. 

Als wir wieder zuhause waren, einen Smothie, eine Apfeltasche und (aus versehen) zwei Eis im Gepäck, war das erste, was wir taten, uns aufs Bett zu legen, woraufhin er den mitgebrachten Laptop seines Vaters startete und unsere Lieblingsserie "Modern Family" zum laufen brachte. 

Wir schliefen aneinander gekuschelt ein, ausnahmsweise ohne Sex oder einen gute-Nacht-Kuss. 

Morgens klingelte sein Wecker, aber er schaltete ihn aus und beschloss, trotz heftiger Widerrede meinerseits, heute blau zu machen. Er ist 23 Jahre alt und macht gerade eine Ausbildung. Wir schliefen noch bis um halb elf, dann musste er gehen. Zum Abschied küsste er mich, kehrte mit seinem Auto auf der Straße um und hielt noch einmal neben mir, um mich ein letztes Mal zu küssen. Ich sah seinem Auto kurz nach, dann machte ich mich ans packen und anderthalb Stunden später brachen meine Mutter und ich  auf zum Bahnhof, wo mein Fernbus fahren sollte. Sie gab mir Tipps, wie ich mit den kleinen Kindern während meines Freiwilligendienstes umgehen sollte und erklärete mir noch die drei wichtigstens Themen in der Selbstverteidigung (Selbstsicheres Auftreten- Erschrecken- zB. durch lautes Schreien- Mit den Händen Gesicht angreifen).

Sie küsste mich auf beide Wangen, dann stieg ich ein. 

Es war sehr kalt im Bus, denn im heißen Spätsommer schalten Reisebusse besonders gern die Klimaanlagen ein. Die zweite Station war in Straßburg. 

Ich weiß, dass mein Dad dort arbeitet, aber ich war überrascht und sehr gerührt, als er am Busbahnhof herumirrte und nach meinem Fernbus suchte, um sich zu verabschieden. Ich sah ihn, wie er vor meinem Bus stand und mit zusammen gekniffenen Augen die Anzeige las. Die Frage, die in meinem Kopf herum schwirrte, ob er mich wohl durch die abgedunkelten Scheiben überhaupt sehen konnte, klärte sich schnell, als er mir zurück winkte und mir etwas zuschrie, was ich durch die Scheiben jedoch nicht hören konnte. 

Ich nickte trotzdem. Und dann weinte ich wieder, denn so eine Aktion war ich nicht gewohnt und es tat mir fast weh, meine Eltern zu verlassen. 

Die Fahrt verbrachte ich damit, vor mich hin zu dösen, aus dem Fenster zu blicken und mich über den Jungen vor mir aufzuregen, der seinen Sitz ganz nach hinten gestellt und mir somit meine Beinfreiheit raubte. 

Irgendwann rief mein Freund, D. an, um sich zu erkundigen, wie es mir ginge und wo ich gerade war. 

Gegen acht kam ich in meinem kleinen ein-Zimmer Appartement an. ich meldete mich bei D., kaufte frisches Obst und Gemüse ein und machte dann mein Abendessen, das auch noch für den nächsten Mittag reichen sollte.

Ich erkundigte mich, wie es meiner Freundin M. ging, die seit einigen Tagen als Au pair bei einer Familie in Irland lebt. Ihr ging es schrecklich und es tat mir wahnsinnig leid, dass ich sie zu dem Job ermutigt hatte.  Anschienend war es fast schon so weit, dass die Eltern M. rausschmießen wollten. Warum weiß ich nicht, denn sie ist das liebste und ehrgeizigste Mädchen, das ich kenne. Sie konnte ja nichts dafür, dass die Eltern die Erziehung verkackt hatten und eines der beiden Kinder zu einem respektlosen Viech gemacht hatten.

Der Plan für den heutigen Abend war eigentlich, das Essen zu machen, vielleicht mit M. zu skypen und dann mit D. World of Warcraft zu spielen. 

Da jedoch sein Internet versagte, sitze ich nun allein in meinem Zimmer. Ich vermisse meinen Freund, meine Familie und meine Freunde sehr und habe Angst vor meinem ersten Arbeitstag morgen. 

Aber immerhin war das Essen gut ^-^

14.9.16 21:58

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